Nicolas Bacri

Biographie

Lyrik und Klarheit; Ausdrucksfreiheit und diskursive Genauigkeit: Die Werke von Nicolas Bacri weisen beide Seiten auf. Der 1961 geborene Komponist stand zunächst unter dem post-webernschen Einfluss, löste sich jedoch rasch davon. Zurück aus dem atonalen Exil, fürchtet seine Musik sich nicht davor, etwas auszudrücken. Sie nimmt gerne Formen an, die von der grossen klassischen und romantischen Tradition ausgebildet wurden: Sinfonien, Sinfonie mit Chören, konzertante Sinfonien, Konzerte, Partiten, Passacaglien, Kantaten, Klaviersonaten, Streichquartette, die häufig explizite Bezüge zu Komponisten der Vergangenheit aufweisen (Bach, Haydn, Vivaldi, Beethoven, Mendelssohn, Schostakowitsch). Und die vier Sätze seiner vierten Sinfonie, mit dem Untertitel «Sturm und Drang», sind jeder für sich eine Hommage an einen Vorgänger: Richard Strauss, Stravinsky, Schönberg, Kurt Weill.

Die «Moderne», wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert verstanden wurde, machte sich häufig die Negation, ja sogar die Tilgung des Vergangenheit zum Ideal. Doch diese «Moderne» verlangte ihrerseits danach, überwunden, wenn nicht gar getilgt oder negiert zu werden. Ein Komponist wie Nicolas Bacri knüpft wieder an die grosse musikalische Tradition Europas an. Er findet zu ihr eine ruhigere Beziehung, die wohl auch bereichernder ist.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es sich dabei um eine Rückwendung handelt. Ein Musikkritiker, der über Nicolas Bacris Entwicklung sprach, verglich diese mit der eines Picasso, der mit dem Kubismus begonnen hätte und dann zur blauen Periode gelangt wäre. Doch er stellt sofort klar, dass es sich keinesfalls um eine regressive Entwicklung handelt: Der Komponist ist im Gegenteil zu einer Neueroberung der verlorenen Welten vorgestossen, ohne deshalb die Experimente, die Kühnheiten oder die Revolutionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auszublenden, und ohne die intellektuelle Strenge der post-webernschen Musik zu verleugnen. Seine Werke suchen und finden eine neue Synthese, zwischen dem asketischen Ideal seiner direkten Vorgänger und der Ausdruckskraft der grossen klassischen und romantischen Tradition. Diese Bemühung um Synthese und Versöhnung geht übrigens über die Grenzen der Musik hinaus: In seiner Sinfonia da Requiem für grosses Orchester, Mezzosopran und Chöre verwendet Nicolas Bacri Texte, deren Verfasser der jüdischen, muslimischen und christlichen Literatur angehören und die für sein Werk alle ins Lateinische übersetzt wurden. Ausserdem fügt er musikalische Schemen aus verschiedenen musikalischen Traditionen ein (orientalische Melismen oder gregorianischen Gesang). Ausdruck der Vielfalt für ein Ideal der Einheit.

Das Cello ist eines von Nicolas Bacris Lieblingsinstrumenten, dem er in seiner Sinfonia da Requiem ein Solo widmet, und für das er schon mehrere konzertante Werke sowie eine erste Sonate mit Klavier geschrieben hat. Doch vor allem hat er sechs Suiten für Violoncello solo komponiert – ein Akt, der allein schon eine Hommage an Bach ist.

Die in Gstaad uraufgeführten Werke sind für Cello und Klavier geschrieben. Es handelt sich um die Sonate Nr. 2, Opus 127, und die Quatre élégies (vier Elegien) Opus 128. Die Sonate zeichnet sich durch eine dichte Kompositionsweise aus, wo die beiden Instrumente gleichsam Schuss und Zettel des musikalischen Gewebes sind. Bisweilen, etwa im zweiten Satz, begleitet das Klavier das Cello freier. Doch die Ausdrucksfreiheit verbindet sich immer mit der diskursiven Genauigkeit.

Die Stimmung der Vier Elegien wird vom Komponisten durch ihre Titel nahegelegt: «Nocturne, Berceuse, Souvenir, Canto di Speranza». Ihre Tempi sind nicht weniger beredt: adagio, lentissimo con grande dolcezza, adagissimo, adagio doloroso – wobei sich das letzte Zeitmass auf den «Canto di Speranza» (Lied der Hoffnung) bezieht … Was zeigt, wie nah Bacris Musik bei unserem menschlichen Schicksal ist: Wer kann wohl hoffen, wenn nicht derjenige, der leidet?

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